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Sylvia Rüttimann
Heute hier, morgen dort, und manchmal auch ganz woanders

Wer weiss denn heutzutage eigentlich noch wo er hingehört? Längst vorbei die Zeiten, als man ein Leben lang an einem Ort verblieb. Als man vielleicht in ganz jungen Jahren, frisch von der Schule weg, kurz davon träumte, Entdeckungen zu machen. Sich vielleicht sogar von der Wanderlust packen liess, fremde Länder und Sitten bestaunte, Entbehrungen auf sich nahm, fort ging, jedoch alleine mit dem Ziel zurückzukommen und sich niederzulassen. Zu bleiben. Vorbei die Wanderjahre.
Sicher, es gibt sie immer noch, die ewig Stationären, aber die Regel ist es nicht. Und „cool“ schon gar nicht. Was früher von kurzer Dauer war, den Waghalsigen, Abenteuer- und Risikofreudigen vorbehalten, hat sich heute auf den Grossteil der Bevölkerung ausgeweitet und ist zu einer Beschäftigung geworden, die man sein Leben lang praktiziert. Mindestens den Urlaub verbringt man im Ausland, das gehört einfach dazu, und wenn möglich gleich in Afrika oder Asien. Das Weekend dann mal kurz in London oder Mailand. Jeder ein „Globetrotter“. Die Welt ist in der Tat nicht nur durch die Kommunikationsmedien, mit Hilfe derer man virtuell überall hin reisen kann, geschrumpft zum vielzitierten globalen Dorf. Selbst das physische Reisen ist in der Tat so billig und einfach geworden, so schnell und unkompliziert, dass man nicht nur auf einer wirtschaftlichen Ebene davon profitiert, indem man die Produktion der Güter ganz ins Ausland verlegt: Es ist auch möglich geworden, am Morgen in Paris zu frühstücken und am Abend in Berlin abzutanzen. Und das nicht nur für ein paar Urlaubstage oder eine Geschäftsreise. So soll es ja sogar Leute geben, die nicht nur in fremden Ländern arbeiten, sondern zwischen Ländern pendeln, wie die Frau, die in London ihre Brötchen verdient, jedoch auf Mallorca lebt, weil es da so schön warm ist – neulich gelesen im Inflight-Magazin einer bekannten Fluggesellschaft. Low Cost sei Dank. Und dem Schengener Abkommen.
Nun gut, alle Ironie, die ein Phänomen wie die teilweise ins Absurde übersteigerte Mobilität heutzutage auslösen mag, eine politische Übereinkunft zwischen Ländern, wie das Abkommen zwischen den EU Staaten, bedeutet vor allem eins: eine grossartige Freiheit, die uns, den Europäern, erlaubt, dahin zu gehen, wo es uns gefällt oder wenigstens finanziellen Nutzen bringt. An den Grenzen hält uns keiner mehr auf, und seit fast zwanzig Jahren kann uns auch keine Mauer mehr davon abbringen. Wir, die Glücklichen. Ich reise, also bin ich. Es könnte auch anders sein. Vergessen wir nicht, es war einmal anders. Oder ist es vielleicht immer noch anders - für einige?

Adela Picón, Martin Loosli, Driss Manchoube: wie wir alle, aber noch ein bisschen bewusster, kennen sie das Reisen, haben ihre Erfahrungen damit gemacht und reflektieren es in ihrer Kunst. Nehmen wir also ihre Einladung an, uns mit ihnen auf eine Reise zu begeben – durchaus nicht nur eine virtuelle, denn jene Reise, die Grenzen, Freiheit und Unfreiheit in den Vordergrund rückt, lässt es uns ganz physisch erfahren. Sie führt durch die „Loge“, diesen Ausstellungsort, der mit seinen grossen Glasfenstern für Offenheit und Transparenz stehen könnte, andererseits aber auch ein wenig an ein Gefängnis gemahnt. Und durch diesen Zwiespalt führt nun ein Weg, eine Art Korridor, der zwar ein Durchgang ist, aber vor allem auch eine gefährliche Zone, die uns nicht durchlässt, sondern mittels Stacheldraht zurückhält. Achtung Verletzungsgefahr! Und plötzlich fühlen wir uns gar nicht mehr so frei, wie wir uns das sonst gewohnt sind. Diese Reise könnte ins Verderben führen. Etwa wie die Reise jener Personen, die den elektronischen Schutzwall, den die Grenzpolizei um die in Marokko gelegene spanische Exklave Melilla herum angelegt hat, zu überqueren versuchten. Adela Picóns Video, das wir an die Wand projiziert sehen, zeigt sie uns, die Bilder dieser Überquerung, aufgenommen von der Kamera der Guardia Civil. 2005 endete diese Reise ins vermeintlich gelobte Land für einige im Tod, als die Polizei das Feuer auf die Schwarzafrikaner eröffnete, oder die Abgeschobenen, so die Vermutung, in der Wüste aussetzte. So viel zur Schengener Freiheit, die eine Freiheit auf Kosten anderer ist, eine Freiheit der Ausgrenzung und des Rassismus. Jenseits der EU-Aussengrenze beginnt das Böse, Beängstigende, Unerwünschte, vor dem man sich mit einem Aufwand zu schützen versucht, der den Relationen nicht entspricht. Wenn es sein muss mit zwei Wällen, von denen der eine drei Meter mass, bis man ihn mit nicht wenigen Euro-Geldern auf die sechs Meter des anderen aufstockte.

Letztes Jahr bereiste der Schweizer Martin Loosli Melilla mit einem Reisestipendium, hat versucht zu erfahren wie es ist, in dieser Stadt, die einerseits sehr normal erscheint, eine Destination für reisefreudige und sonnenhungrige Touristen, und andererseits dieses beängstigende Kapitel der Ausgrenzung in sich trägt. Fotografien gingen aus dieser Reise hervor, Bilder des Zaunes, der sich durch die einsame Landschaft schlängelt, vor dem einige wenige Menschen, wie zum Picknick, an einem Tisch sitzen, als wäre da gar nichts dabei, einem Haus mit der enigmatischen Aufschrift „Bingo Africa“, sowie ein Text mit dem bezeichnenden Titel „Sonderfall Normalität“. In welchem der Künstler darauf hinweist, dass Melilla schon immer ein Sonderfall war, eine mit Festungen überbaute Stadt, darauf erpicht, seine Machtposition zu erhalten, sei es als spanische Kolonie gegenüber Marokko oder als südlichster Posten der EU gegen die Mittellosen Schwarzafrikas. Aber auch davon schreibt, wie auf kleinstem Raum die verschiedensten Menschen jeglicher Herkunft und Glaubensrichtung leben – miteinander, aber vor allem nebeneinander. In Melilla prallen in der Tat aktuellste Problematiken auf kleinstem Grund aufeinander.

Auch Adela Picón, deren Reise nun umgekehrt in Melilla, wo sie zur Welt kam, begann, auf das spanische Festland und weiter nach Bern führte, kennt diese Problematiken, ist sensibilisiert dafür, wie in der Schweiz, diesem ausserhalb der EU gelegenen Sonderfall Normalität, verschiedene Nationalitäten miteinander nebeneinander leben, wie hier unterschwellig, oder auch ganz offen, eine Ausländerfeindlichkeit und Ausgrenzung praktiziert wird. Sie hat es uns in ihrer Arbeit „Pass auf“ vorgeführt, hat uns darauf aufmerksam gemacht, wie subjektiv Auswahlkriterien sein können, hat es uns selber ausprobieren lassen. Und sieht nun wie ironischerweise gerade in ihrer Geburtsstadt eine Ausgrenzungspolitik bis zum Tode stattfindet. Bilder davon haben wir durch die Überwachungskamera der spanischen Polizei. Sie zeigen uns, wie die Menschen über die beiden Zäune klettern. Sie sind schwarz-weiss und unscharf, bewegt, jedoch in einem unwirklich erscheinenden Tempo und lassen dadurch mehr erahnen als erkennen, alles erscheint wie in einem Traum. Traumbilder:  Adela Picon hat die Sequenz geloopt, übersteigert dadurch noch die inhärente Unwirklichkeit und das Fantastische der Szene. Kennt man den Zusammenhang nicht, könnte man leicht der Ästhetik der Unschärfe und der rhythmischen Bewegung des Bildes verfallen. Adela Picon fühlte sich bei der Sequenz an Goyas Arbeiten erinnert. In der Tat ist der Effekt ein ähnlicher. Auf einen ersten Blick erscheint alles harmlos, entwickelt jedoch einen nicht geringen Schockeffekt, sobald man sich der Thematik gewahr wird.

Die Fotografien von Driss Manchoube – auch er ein „Ausländer“ – nehmen das Schwarzweiss des Videos auf und führen es weiter. Sie sind das Produkt des Endes einer ersten und Anfangs einer anderen Reise. Der gebürtige Marokkaner, aufgewachsen in ärmsten Verhältnissen, verliess sein Land mit neunzehn, arbeitete sieben Jahre in Frankreich am Fliessband, kam 1976 mit seiner Frau nach Bern und liess sich hier nieder. Driss Manchoube, also auch er keiner der globalen Jetsetter, nicht freiwillig auf Reisen, sondern getrieben von der Hoffnung auf ein besseres Leben, auf ein Land, wo man ankommen kann, sich niederlassen kann. Für ihn erfüllte sich diese Hoffnung. Angekommen in der Schweiz begann nun für den Immigranten im fremden Land eine nächste Reise, die jedoch weniger politischer, denn künstlerischer Natur ist: er fängt an zu fotografieren. Und was als Erkundung des unmittelbaren Umfelds, vor allem seiner Familie, anfängt, weitet sich aus zu einer Reise durch die Schweiz, zur Erkundung fremder Sitten und Gebräuche, einer ihm unbekannten Lebensart, die er einerseits an Festen, Märkten, der Fasnacht, an Hochzeiten, aber auch Demonstrationen zu finden sucht. Driss Manchoube hält mit einer ungebändigten Neugier fest, was ihm auffällt, was er als Schweizerisch empfindet, was ihn bewegt. Für einmal sind wir die Anderen. Andererseits sind es jedoch auch die menschenleeren Plätze, durch die ihn seine Reise führt, entlang eines Weges zu einer trostlosen Wohnsiedlung, den Blick auf die Strasse gelenkt, auf dessen Mittelstreifen ein toter Vogel liegt, durch hügelige Wiesen, hinter einem Zaun drei Ziegen. Einsam und melancholisch erscheint hier die Welt, verlassen und öde. Interessant wie ähnlich diese Stimmung der der Bilder Martin Looslis ist. Eine melancholische Reise, die wir hier angetreten haben. Doch die Hoffnung, sie stirbt bekanntlich zuletzt.