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Adela Picón – „Hier oder Dort?“

Von Alice Henkes

Zusammen mit Kindern der Kinderwerkstatt Kidswest hat Adela Picón im Rahmen der Interventions-Reihe „hierunddort“ die Video-Arbeit „Hier oder Dort?“ realisiert. Dabei haben auch viele Erwachsene aus dem Tscharnergut mitgeholfen. Sie haben der Künstlerin und den Kindern Fotos aus ihren persönlichen Fotoalben zur Verfügung gestellt, die in diese Videoarbeit Eingang gefunden haben. Und das, obwohl Fotos, also die Art von Fotos, die man im Album oder vielleicht auch in einer Schachtel aufbewahrt, für die meisten Menschen etwas sehr Persönliches sind.

Ein Foto von der Tochter, die ins Spiel versunken ist, vom Bruder, der stolz in die Kamera lächelt, weil er gerade eine wichtige Prüfung geschafft hat und der jetzt vielleicht viele Hundert Kilometer entfernt lebt. Oder ein Bild des Onkels, der schon seit vielen Jahren tot ist – solch ein Foto ist nicht nur ein Stück Papier. Solch ein Foto zu betrachten, das macht geliebte Menschen lebendig, führt zurück zu schönen, wichtigen Momenten im Leben.

Der französische Philosoph Roland Barthes setzt sich in seinem Essay „Die helle Kammer“ mit dieser stark subjektiven Bedeutung und Wirkung von Fotografien auseinander und schildert wie er, nach dem Tod seiner Mutter, beim Durchschauen alter Fotos ein Jugendbild der Mutter entdeckt, das ihn besticht und das ihm etwas mitteilt das „nur für mich existiert“.

So geht es doch wohl uns allen. Egal, ob wir unsere Fotos in sauber geordnete Alben einkleben oder ob sie in buntem Durcheinander in einer Schachtel liegen: Wenn wir sie ansehen, dann sehen wir nicht nur die Tochter darauf, die vielleicht ein bisschen schief lächelt, weil sie in die Sonne blinzelt oder den kleinen Bruder vor dem Baudenkmal, den man kaum sieht, weil das Baudenkmal so gross und der Bruder so klein ist. Diese technischen Belange sind für private Fotos unwichtig. Ein Familienfoto lebt nicht von fotografischer Perfektion. Beim Privatfoto geht es nicht um den künstlerischen Wert, auch wenn wir uns vielleicht bemühen, möglichst schöne, anspruchsvolle Fotos zu machen. Werden sie nicht so perfekt, ist es am Ende nicht so schlimm. Unser Blick korrigiert liebevoll alle Fehler, retouchiert alle Unschärfen und roten Augen und wir sehen, wie hübsch die Tochter in Wirklichkeit lächelt und hören ihre nette, kleine Stimme in unserem Ohr. Und wir sehen den kleinen Bruder vor uns und wissen wieder, wie warm es an diesem Tag war und dass der kleine Bruder kurz nachdem wir das Foto vor dem Baudenkmal gemacht haben noch geweint hat, weil ihm sein Eis hingefallen ist.

Das sind Dinge, die nur wir in unseren Fotos sehen können. Die gleichsam hinter der glänzenden Oberfläche stecken, und die wir durch unseren Blick, unsere Gedanken wecken können. Ein Fotoalbum oder eine Schachtel mit Fotos hat etwas Magisches: man öffnet es und blickt hinein und 1000 Geschichten, 1000 Erinnerungen erwachen zu lebendigen Erzählungen. Fotos sind wie Wegmarken in dem Meer der Geschichten, aus dem unser Leben besteht.

Die Kids, die mit gemeinsam mit Adela Picón an dieser Intervention gearbeitet haben, wissen jetzt sicher gut, was ich meine. Sie haben es erlebt. Sie haben mit Adela Picón verschiedene Familien hier im Tscharnergut besucht, Familien aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen und haben mit ihnen ihre Fotos angeschaut. Und dabei viele Geschichten gehört. Fröhliche und traurige, von Flucht und Armut aber auch von Glück und Erfolg. Die Kids haben sich zu diesen vielen Familiengeschichten Notizen gemacht. Einige davon sehen wir als Text über die Bilder laufen. Sie lassen sich nicht wie Bildunterschriften lesen, eher wie ein allgemeiner Kommentar zum Erinnern und Erzählen. Man kann in diesen Schriftzeilen auch den Strom der Erinnerungen und Erzählungen verbildlicht sehen, der den Familienfotos unablässig entströmt, wenn diese Fotos von den Menschen betrachtet werden, die die Geschichten zu erzählen wissen.

Wie in einem bewegten Mosaik sind in dem Video „Hier oder Dort?“ Fotos aus verschiedenen Familienalben zu einem Bildergewebe verbunden. Zusammengenommen scheinen die Bilder eine schöne Familiengeschichte zu erzählen, obwohl die Männer und Frauen und Mädchen und Jungen, die wir in diesem Video sehen, aus verschiedenen Familien, ja: aus unterschiedlichen Kulturen, unterschiedlichen Religionsgemeinschaften und Weltregionen kommen. So verschieden die Menschen hinter den Bildern auch sind, so passen die Bilder doch zusammen. So persönlich die Momente sind, von denen die Bilder erzählen, so universell sind sie auch. Denn all diese Momente, diese Bilder sind uns allen vertraut.

Die Tochter an ihrem Geburtstag, der Sohn, der in die Kamera lacht, nachdem er seinen Schulabschluss bestanden hat. Die Hochzeit der Schwester. Der Ausflug mit der Schwiegermutter. Fotos erinnern uns an Momente in unserem Leben, in denen wir besonders glücklich waren und an Menschen, die uns lieb und wichtig sind. Es sind die glücklichen Momente im Leben, die wir mit Fotos festzuhalten versuchen.

Der russische Romancier Lew Tolstoi hat einmal behauptet: Alle glücklichen Familien gleichen einander.
Die glücklichen Momente, die sind sich in den meisten Familien ziemlich ähnlich. Und das gilt nicht nur für Tolstois Russland des 19. Jahrhunderts. Das gilt auch heute. Weltweit. Das gilt natürlich auch hier in Bern, im Tscharnergut. Für alle von uns. Glücklich sind wir, wenn es uns gut geht, wenn wir mit den Menschen zusammen sind, die wir mögen, wenn wir feiern können, einen Moment lang nicht an die Sorgen denken müssen, die wir haben (und Sorgen haben wir alle).

Alle Familien machen die gleichen Bilder von ihrem Glück, könnte man das Tolstoi-Zitat abwandeln, um Adela Picóns Intervention „Hier oder Dort?“ zu umschreiben. Alle Menschen haben das gleiche Bild vom Glück, könnte man auch sagen. Damit sind wir beim Kern der Arbeit angelangt. Das Video „Hier oder Dort?“ versammelt glückliche Menschen, glückliche Momente. Die Arbeit zeigt uns, wie universal unsere Vorstellungen von Familie von Glück sind. Wir können uns und unser eigenes Streben nach Glück in diesen Bildern, in diesem lachenden Geburtstagskind, dem fröhlichen Mädchen im Schnee, wieder finden.

Der Titel „Hier oder Dort?“ spielt dabei auf ein weiteres Element an, das die Familien, die Fotos für diese Arbeit zur Verfügung gestellt haben, aber auch viele andere, die hier im Tscharnergut leben, verbindet: Sie kommen aus einem fernen Land, einer anderen Kultur. Sie leben ihr gegenwärtiges Leben hier, aber ihre Vergangenheit liegt in einem entfernten Dort. Und während sie sich hier in der Fremde einrichten, sind viele ihrer Verwandten, ihre Freunde noch Dort. Die Fotos, die sie sammeln, sind Verbindungselemente über Landesgrenzen und politische Barrieren hinweg. Fotos überwinden aber auch die Zeit und lassen Verstorbene, die uns lieb sind, für einen Moment in unserem Herzen wieder lebendig werden.

Und das gilt ebenfalls für uns alle. Ob wir nun hier im Tscharnergut leben oder andernorts, ob wir unsere Verwandten bei uns in der Nähe haben oder viele Kilometer entfernt. Wenn wir ihre Bilder sehen, werden sie lebendig, wo immer sie auch sein mögen. Mit ihrer Intervention trägt Adela Picón den Gedanken ins Tscharnergut, dass wir, hinter dem Äusseren verschiedener Traditionen und Kulturen, verschiedener Sprachen und Religionen doch im Kern alle das gleiche suchen: das Lebensglück. Und wenn wir glauben, es gefunden zu haben, halten wir diese Momente in Fotos fest.

Dieser Gedanke belebt nicht nur die Arbeit „Hier oder Dort?“. Dieser Gedanke kann von denen, die an der Intervention mitgearbeitet haben, den Kids ebenso wie den vielen Erwachsenen, als Erfahrung weiter getragen werden. Denn sie, die Kinder und die Erwachsenen, die mitgeholfen haben, haben die integrative Idee dieser Videoarbeit mitgetragen. Und ich hoffe, dass alle den Menschen verbindenden Gedanken, der in dieser Arbeit steckt, weiter tragen können und wollen.


21. Juni 2009, Tscharnergut (Bern)