[drucken]   [schliessen]

Sanfte Grenzüberschreitungen

Kommunikation ist eine Kunst. Und Kunst ist es, diese Kunst so ins Bild zu setzen, dass die Kunst der Kommunikation zur Kunst wird. Das gelingt Adela Picón. Dafür wurde sie mit dem Frauenkunstpreis 2004 ausgezeichnet.

Telefonzelle an Telefonzelle. Drinnen sitzen Menschen, die gestikulieren, die zuhören, die kurz mal hinausschauen oder in sich versunken sind. Es ist eine Szene, die in vielen Bahnhöfen zu sehen ist. Und die Leute, die hier telefonieren, sind meist - man sieht es ihnen an - Immigranten, Flüchtlinge, Menschen, die mit ihren weit entfernten Nächsten nur per Telefon kommunizieren können. Was sich hinter den verschlossenen Glastüren der Telefonkabinen abspielt, lässt sich nur vermuten: Um Heimweh und Hoffnung, Liebe und Kummer, Geburten und Tod wird es wohl gehen. Um ganz Alltägliches.

Das ist die Situation, die Adela Picón in ihrer Videoarbeit «Locutorio» - der «Fernsprechzelle» - inszeniert. Leute gehen und kommen, setzen sich in eine der drei Zellen, die die Künstlerin in ihrem Atelier als Staffage aufgebaut hat. Männer und Frauen sitzen in den Zellen und reden. Gehen. Andere kommen. Aber da sind doch Gesichter, die in der hiesigen Kulturszene bekannt sind: Fatma Charfi, die Installationskünstlerin etwa, oder Natsuko Tamba Wyder, die kürzlich in der Stadtgalerie ihre Schranken-Installation ausstellte. Zur Tunesierin und zur Japanerin gesellen sich ein Tibeter und eine Russin, kommen nacheinander weitere Kulturschaffende, die es - weshalb auch immer - aus aller Welt hierher verschlagen hat. Wie die 47-jährige Künstlerin selbst, die aus Barcelona stammt und seit mehr als zwölf Jahren in der Schweiz lebt und arbeitet. Anders als in den Telefonzellen in Bahnhöfen ist es beim «Locutorio» möglich, den Telefonierenden zuzuhören. Vier Telefonhörer animieren dazu, die Gespräche zu belauschen. Nur, Japanisch oder Russisch verstehen nur wenige. Erst englische oder französische Gesprächsfetzen lassen erahnen, worum es in diesen geheimnisvollen Telefonaten gehen könnte: um Kunst und um die Rolle von Kunstschaffenden. Kommunikation der Kulturen über Bilder und Töne - Nichtkommunikation über die Sprache: Das wird hier in einer Alltagszene zum Thema, wie beiläufig.

Sags mit Blumen
Es überzeugt, dass diese aufwändige Videoarbeit mit dem mit 10 000 Franken dotierten Frauenkunstpreis ausgezeichnet wurde. Dass aus insgesamt 27 Bewerbungen gerade diese Künstlerin ausgewählt wurde, ist kein Zufall: Adela Picón arbeitet seit Jahren konsequent an der Kunst, die Kunst der Kommunikation in Bilder umzusetzen. Etwa mit ihrem Langzeitprojekt «Still Life», das sie im letzten Jahr präsentierte. Auch hier involviert die Künstlerin verschiedenste Menschen in den Prozess der Bildwerdung.

Aus einem Fundus von Blumenbildern schafft sie durch komplexe Diaprojektionen zuerst eine vielschichtige Kulisse, die aussieht, als wäre sie digital produziert. In dieses Meer von Blumen bittet die Künstlerin nicht in erster Linie Leute, die mit der Sprache der Kunst ohnehin vertraut zu sein meinen, sondern Leute aus ihrer eigenen alltäglichen Umgebung. Wenn diese Modell stehen und in der auf sie projizierten Blumenkulisse versinken, entsteht unweigerlich aus der Situation heraus eine vielseitige Kommunikation und Auseinandersetzung: der Künstlerin mit den Modellen, der Modelle mit einer ungewohnten Umgebung. Sie werden sie Teil eines Kunstwerkes – und damit wird das Private, die «blumige» Intimität, automatisch öffentlich.

Wie in der Videoinstallation «Locutorio» werden so in Szenen, die im Alltag nicht unbedingt als Grenzsituationen erfahren werden, bildhaft Grenzen überschritten – was der Kern, die Kunst jeglicher Kommunikation wäre.

Konrad Tobler

Der Frauenkunstpreis wird seit 2001 jährlich verliehen und ist mit 10 000 Franken dotiert. Initiiert und gestiftet hat die Auszeichnung Matthias Jungck, Strahlenschutzexperte und Meteoritenforscher – aus der Überzeugung heraus, dass die Leistung von Frauen in der bildenden Kunst noch immer zu wenig gewürdigt wird. Die Jurierung ist einem fünfköpfigen Gremium übertragen, das ausschliesslich aus Frauen besteht.