Adela Picón - LA VENTA
Adela Picón (*1958 in Barcelona) lebt seit zehn Jahren in Bern und hat als Malerin, Performance- und Installationskünstlerin auf sich aufmerksam gemacht. Sie folgt dem „Abigarrado-Prinzip“, indem sie Medien, Stile und Themen miteinander kombiniert, die eigentlich nicht zusammen passen. Im Projekt „Vis-a Vis“ zum Beispiel stellte sie Bilder und Andenken aus dem Besitz der Bewohnerinnen eines Altersheim der Heilsarmee im alternativen Berner Kunstort „Kiosk“ aus. Die Aussenfassade der ehemaligen Kioskbude tapezierte sie in altmodischer Manier. Im Gegenzug präsentierte sie ihre modernen monochromen Malereien in der Mensa des gegenüber liegenden Altersheims. So wurden nicht nur Kulturauffassungen miteinander verknüpft, sondern auch Menschengruppen, die normalerweise keinen Contact miteinander haben.
Adela Picón agiert bewusst aus der Position einer „Fremden“, die neue Bereiche erforscht. Für ihr Projekt „La Venta“ hat sie die Kunstszene Berns unter die Lupe genommen. Sie hat 36 Berner Künstlerkollegen, die in der Dokumentationstelle „Pool Position“ der Stadtgalerie mit Dokumentationen vertreten sind, persönlich interviewt und um eine Abbildung eines Werks gebeten. In ihrer Installation in der Stadtgalerie sind die Regale mit den Künstlerdokumentationen verschwunden. Stattdessen erscheint die Künstlerin festlich gekleidet auf einer Projektionsleinwand und bietet die Arbeiten der Kunstschaffenden zum Verkauf an. Die Kunstwerke erscheinen in einer Diashow, die begleitend zum Video läuft.
Die Künstlerin agiert als Kunstexpertin und Verkäuferin, die die Werke nach allen Regeln der Kunst anpreist, in einem Spiel von Verführung und Überzeugung, Einbildung und Verkehrung. Sie beschreibt die Werke ausführlich in ihrer Muttersprache Spanisch, nennt den Mindestpreis und fordert die Betrachter auf, mitzubieten. In den deutschen Untertiteln des Videos werden lediglich kurze Angaben zu AutorIn, Titel, Technik und Preis gemacht.
Nicht nur Insidern der Berner Kunstszene kommt das Ganze nach einer Weile ein bisschen spanisch vor, denn die virtuelle Verkaufsshow bietet ein verwirrendes Zusammenspiel von visuellen und akustischen Informationen. Zum Mindestangebot von 222.00 Euro für eine Übernachtung im Hotel „Everland“ des Künstlerpaars L/B, die bekannt sind für ihre durchgestylten Design-Kreationen, erscheint z.B. eine improvisierte Hütten-ähnliche Konstruktion aus Holz und roter Plastikfolie...?
Tatsächlich stimmen die in der Diashow gezeigten Werke nicht mit den auf dem Video beschriebenen überein, die Ton- und Bildspuren wurden nach dem Zufallsprinzip miteinander kombiniert. Das Missverständnis ist einkalkuliert: wer kein Spanisch versteht und sich in der Berner Kunstlandschaft nicht auskennt, wird neue Bezüge herstellen, die nicht der Realität entsprechen. Der theoretische Diskurs über den Verlust der Autorschaft und die globale Annäherung hat natürlich schon längst stattgefunden. Doch Adela Picon testet aktuelle Befindlichkeiten und Empfindlichkeiten, indem sie die Puzzleteile der lokalen Kunstszene durcheinander schüttelt, die immer auch ein Spiegel der globalen community ist. Adela Picón hat sich den verschiedensten künstlerischen Positionen angenähert, um sie gleichzeitig zu dekonstruieren und auf ihre Gültigkeit hin zu befragen.
Wodurch definiert sich der Wert eines Kunstwerks: durch die visuelle Faszination, den Namen des Autors/der Autorin, den erkennbaren Stil, die Originalität, das Material, die Technik, den Kontext/Subtext, den Preis?
Obwohl die Auktion auf einer virtuellen Ebene abläuft, besteht für die Besucher die Möglichkeit, schriftlich einen Kaufpreis zu bieten. Doch das Verwirrspiel der Zeichen und Zugehörigkeiten setzt sich auch hier im Auktions-Katalog von „La Venta“ fort. Das Kompendium der Berner Kunstszene ist gespalten, die Seiten sind in der Mitte durchgetrennt, so dass die Käufer sich entscheiden müssen für ein Werk oder einen Künstlernamen. Machen Sie Ihr Angebot!
Beate Engel
Kuratorin Berner Stadtgalerie